KI-Potenziale im Unternehmen erkennen: Leitfaden für den Mittelstand
Wo genau liegen die KI-Potenziale in Ihrem Unternehmen – und wie finden Sie sie? Diese Frage beschäftigt Geschäftsführer im Mittelstand mehr als jede andere, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Die Technologie ist verfügbar, die Kosten sind gesunken, Cloud-Dienste wie Azure AI oder AWS SageMaker machen den Einstieg leichter. Doch ohne systematische Analyse investieren Unternehmen in die falschen Projekte.
In der Praxis zeigt sich: Der größte Fehler beim KI-Einstieg ist, mit der Technologie zu starten statt mit dem Problem. Wer zuerst Tools evaluiert und dann nach Anwendungsfällen sucht, scheitert. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen in vier Schritten, wie Sie die KI-Potenziale im Mittelstand aufdecken und bewerten – pragmatisch, ohne Data-Science-Team und ohne sechsstelliges Budget.
Warum eine KI-Potenzialanalyse am Anfang stehen muss
Der häufigste Fehlstart: Unternehmen besuchen eine Messe, sehen eine KI-Demo und starten ein Pilotprojekt – ohne vorher analysiert zu haben, ob das der richtige Anwendungsfall ist. Drei Monate und 30.000 Euro später stellt sich heraus: Die Daten waren unzureichend, der Prozess zu komplex, der Business Case zu schwach.
Eine strukturierte Potenzialanalyse verhindert das. Sie beantwortet drei Fragen: Welche Prozesse kosten heute am meisten Zeit und Geld? Wo entstehen vermeidbare Fehler? Und wo treffen Sie Entscheidungen auf Basis von Vermutungen statt Daten?
Unternehmen, die so vorgehen, erzielen nachweislich bessere Ergebnisse. Nicht weil sie bessere Technologie einsetzen – sondern weil sie die richtige Stelle im Unternehmen adressieren. Das bestätigt auch eine McKinsey-Studie: Unternehmen mit klarer Use-Case-Priorisierung erreichen den ROI ihrer KI-Projekte doppelt so häufig.
Die vier Bereiche mit dem größten KI-Potenzial
KI-Potenziale verteilen sich nicht gleichmäßig. Erfahrungsgemäß konzentrieren sie sich im Mittelstand auf vier Kernbereiche.
Operative Prozesse – der schnellste Hebel
Auftragserfassung, Rechnungsprüfung, Lagerverwaltung, Qualitätskontrolle: Überall dort, wo wiederkehrende Aufgaben nach klaren Mustern ablaufen, kann KI sofort unterstützen. Ein Produktionsunternehmen, das täglich hunderte Lieferscheine manuell verarbeitet, verliert pro Mitarbeiter mehrere Stunden am Tag. KI-gestützte Dokumentenverarbeitung (Intelligent Document Processing) reduziert diesen Aufwand um 60 bis 80 Prozent. Mehr dazu finden Sie in unserem Artikel zur Prozessautomatisierung mit KI.
Vertrieb und Kundenmanagement
KI erkennt Muster in CRM-Daten, die dem Vertriebsteam entgehen. Welche Bestandskunden sind abwanderungsgefährdet (Churn Prediction)? Welche Leads haben die höchste Abschlusswahrscheinlichkeit (Lead Scoring)? Welche Cross-Selling-Chancen bleiben ungenutzt? Diese Fragen lassen sich mit vorhandenen Daten oft überraschend präzise beantworten – Salesforce Einstein und HubSpot AI machen es auch für kleinere Vertriebsteams zugänglich.
Einkauf und Supply Chain
Bedarfsprognosen, Lieferantenbewertung, Preisoptimierung – der Einkauf ist datenintensiv und profitiert massiv von KI. Gerade in Zeiten volatiler Lieferketten sind präzise Vorhersagen und automatische Nachbestellungen ein Wettbewerbsvorteil, der direkt auf die Marge einzahlt.
Personalwesen und Administration
Von der automatisierten Vorauswahl bei Bewerbungen bis zur intelligenten Dienstplanung: Auch im HR-Bereich gibt es zahlreiche Ansatzpunkte. Besonders relevant bei Fachkräftemangel: KI hilft, mit knappen Personalressourcen effizienter umzugehen.
In 4 Schritten zur KI-Potenzialanalyse
Eine praxistaugliche Analyse lässt sich ohne externen Beratermarathon durchführen.
Schritt 1: Prozesslandkarte erstellen
Listen Sie alle wesentlichen Geschäftsprozesse auf, die mindestens wöchentlich stattfinden und mehrere Mitarbeitende involvieren. Notieren Sie pro Prozess: geschätzter Zeitaufwand, Fehleranfälligkeit, Anzahl der beteiligten Personen. Fokussieren Sie sich auf 10 bis 15 Kernprozesse – das reicht, um die größten Hebel zu identifizieren.
Schritt 2: Datenverfügbarkeit prüfen
KI braucht Daten. Klären Sie für jeden identifizierten Prozess: Welche Daten fallen bereits an? In welchem System und Format liegen sie? Wie vollständig und aktuell sind sie? Prozesse mit guter Datenbasis in ERP, CRM oder MES sind die besten Kandidaten für ein erstes KI-Projekt.
Schritt 3: Potenziale mit der Bewertungsmatrix priorisieren
Bewerten Sie jeden Prozess nach drei Kriterien auf einer Skala von 1 bis 5: Automatisierungspotenzial (Wie regelbasiert und repetitiv ist der Prozess?), Geschäftsimpact (Wie viel spart die Automatisierung oder welchen Umsatz generiert sie?) und Umsetzbarkeit (Wie komplex ist die technische Umsetzung?). Priorisieren Sie Prozesse, die bei allen drei Kriterien gut abschneiden.
Schritt 4: Pilotprojekt definieren
Wählen Sie einen Prozess mit hohem Potenzial und moderater Komplexität. Definieren Sie messbare Ziele (z. B. „Bearbeitungszeit um 50 % senken“), einen Zeitrahmen von 8 bis 12 Wochen und ein Budget. Ein gutes Pilotprojekt liefert Ergebnisse, die sich intern kommunizieren lassen – und schafft Akzeptanz für weitere Initiativen. Wie Sie das Ganze in eine übergeordnete KI-Strategie einbetten, lesen Sie im verlinkten Artikel.
3 typische Stolpersteine – und wie Sie sie umgehen
Datenlage überschätzt. Viele Prozessdaten sind unstrukturiert, unvollständig oder in Silos verteilt. Das ERP kennt andere Kundennummern als das CRM. Planen Sie eine Phase der Datenbereinigung ein, bevor Sie mit der KI-Umsetzung starten. Manchmal ist ein Datenqualitätsprojekt der sinnvollere erste Schritt.
Zu ambitioniert gestartet. Wer beim ersten Projekt gleich die komplette Wertschöpfungskette automatisieren will, scheitert. Starten Sie bewusst klein: ein einzelner Prozess, ein messbares Ergebnis, ein überschaubares Budget.
Mitarbeitende nicht einbezogen. Die Angst vor Jobverlust ist real, auch wenn sie in den meisten Fällen unbegründet ist. Binden Sie die betroffenen Teams früh ein und kommunizieren Sie offen, was KI verändern soll – und was nicht. In der Praxis führt KI-Automatisierung selten zu Entlassungen. Die freigesetzten Kapazitäten fließen in höherwertige Aufgaben.
Fazit
KI-Potenziale im Mittelstand zu erkennen erfordert keine technische Expertise – es erfordert den systematischen Blick auf die eigenen Prozesse, Daten und Engpässe. Mit der Bewertungsmatrix aus diesem Leitfaden vermeiden Sie Fehlstarts und finden den Use Case mit dem größten Hebel. Der entscheidende Punkt: Starten Sie mit Methode statt mit Technologie-Euphorie. Wer die Einsatzbereiche von KI im Unternehmen bereits kennt, kann direkt mit der Analyse beginnen.
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Häufige Fragen
Brauchen wir einen KI-Experten, um KI-Potenziale im Mittelstand zu erkennen?
Nicht zwingend. Die Potenzialanalyse ist primär eine Prozess- und Geschäftsanalyse. Technische Expertise wird erst bei der Umsetzung relevant. Externe Berater beschleunigen den Prozess, sind aber kein Muss für den Start.
Wie viele Prozesse sollten wir in der Analyse berücksichtigen?
10 bis 15 Kernprozesse sind ein guter Startpunkt. Das reicht, um die größten Hebel zu finden, ohne sich in Details zu verlieren.
Was tun, wenn unsere Datenqualität schlecht ist?
Das ist im Mittelstand eher die Regel als die Ausnahme. Schlechte Datenqualität ist kein Ausschlusskriterium – aber der Aufwand für die Datenaufbereitung muss realistisch einkalkuliert werden.
Wie hängen Potenzialanalyse und KI-Strategie zusammen?
Die Potenzialanalyse ist der erste Schritt innerhalb einer umfassenden KI-Strategie. Sie liefert die Use Cases, die anschließend in eine Roadmap überführt werden.